AM 1968 „Ahlen vor 50 Jahren (1917) gesehen“
In der Ahlener Monatsschau erschien in den Ausgaben von Februar bis April 1968 eine interessante Artikelserie die ich hier wiedergeben möchte.
Ahlen vor 50 Jahren (1917) gesehen
Eine interessante Schilderung über die Wersestadt
Im städtischen Archiv befindet sich bei den Akten über die Entwicklung der Stadt Ahlen ein sehr anschaulicher Beitrag vom 31. Mai 1917. Der Verfasser (Stadtbaurat Walter Kierey †) schilderte aus seiner Sicht, wie er das damalige Städtchen Ahlen, zwar schon 21 000 Einwohner, mitten im ersten Weltkriege sah und welche Entwicklung die Stadt bis dahin erlebt hatte, wie sie aussah und was er sich von ihr für die Zukunft erhoffte.
Vor wenigen Jahren noch begann für den aus dem Industriegebiet kommenden Reisenden hinter dem rauchgeschwärzten Hammer Bahnhof gen Osten die Fahrt ins freie, schornsteinlose Land. Braune Aecker, goldene Aehrenfelder, wallheckenumgebene saftiggrüne Weiden, von buntgefleckten Herden belebt, drückten der Gegend den bestimmten Stempel auf. Nur ab und zu kräuselte eine helle Rauchfahne aus dem Schornstein eines in die Landschaft malerisch hineingebetteten Gehöftes. Auch die Städtchen und Dörfer zeugten in nichts von der drängenden Hast und der hämmernden Arbeit des Westens.
Um die Jahrhundertwende erschienen auch dort, wenn auch vereinzelt, qualmende Schlote. Die Industrie begann auch hier Fuß zu fassen. Besonders gefesselt wurde das Auge des Reisenden, als Ende 1911 ganz plötzlich ein roter Fleck in die Landschaft hineingeworfen war, der sich rasch vergrößerte und dem staundenden Auge sich als schmuckes Städtchen, wie aus der Spielzeugschachtel entnommen, entpuppte. Bei näherem Zusehen gewahrte man auch dahinter die breit angelegten dunkleren Masen werdender Werke, die verrieten, daß auch hier die Schwerindustrie ihre schwielige Hand in den Boden krallte, um ihm die teuren Bodenschätze zu entreißen und den wertvollsten Umformungen zu unterwerfen.
Dieser neue Stützpunkt der westlichen Großindustrie, dieser Eckstein nie rastender deutscher Arbeit, ist Ahlen, ein altes, bis dahin kaum gekanntes Städtchen.
Dunkler Sage nach haben fromme Mönche die Siedlung am Werseflüßchen gegründet. Der Ursprung des Namens ist nicht genau festzustellen, mit dem Aal im Wappen hat es jedoch nichts zu tun. Die Lage der Stadt gibt der Ueberlieferung recht, ie behauptet, daß in der Gegend, die jetzt noch Alterhof (Ahlenhof) heißt, drei adelige Höfe gestanden haben. Diese bilden auch heute noch den Kern der Stadt. In ihrer Näche steht die alte stimmungsvolle Bartholomäuskirche. Um sie herumg entwickelte sich Häuserkranz auf Häuserkranz., mit Gräben abgeschlossen gegen die häufige Befehdung durch die Nachbarn; eine echte westfälische Siedlung. Im Jahre 1271 noch durch Mauern und Wälle befestigt, galt die Stadt als starke Festung. Leider ist hiervon nur weniges erhalten geblieben. Ein wenige Meter langes Mauerstück an der Südenpromenade und die Erhebung auf der der jüdische Friedhof liegt (damals am Bahnhofsvorplatz zwischen Pavillon und Schule am Ostwall gelegen), ehemals eine Bastion, legen Zeugnis ab von der einstigen wehrhaften herrlichkeit. Im jahre 1881 mußte unter Musikbegleitung das letzte Tor, das Westentor, der Höhe der Erntewagen und dem damals recht geringen Verkehr weichen.
Die Sucht, es den größeren Städten nachzumachen, hat auch hier viel Wertvolles unwiderruflich vernichtet. Nur einige Häuser haben ihre charakteristische westfälische Form erhalten, so u. a. am Markt die alte Apotheke und das v. Gahlensche Haus an der Hellstraße.
Die Bevölkerung lebte ursprünglich ganz von der Landwirtschaft und im geringen Umfange von der Handweberei. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam zunächst die Nessel- später die Plüschweberei in Aufnahme. In den achtziger Jahren wurden die handwebstühle durch Maschinenbetrieb verdrängt. Die Handwebstühle verschwanden gänzlich. Den letzten Rest dieser Webertätigkeit konnte man noch vor dem Kriege in der Plüschfabrik von Schomaker & Co. finden, die ihren Betrieb jetzt völlig umgestellt hat und in der Hauptsache noch verzinkte Waren herstellt.
Im Jahre 1848 begann der damalige Kupferschmied W. Brock verzinnte Geschirre anzufertigen, und in den siebziger Jahren kam das Emaillieren von Kochgeschirren in Uebung. Die Gebrüder Kerkmann, aus der Brock’schen Schmiede hervorgegangen, gründeten nach ihren Wanderjahren eine eigene Werkstatt. Unermüdlicher Fleiß und zähes Ausharren trotz heftiger Fehlschläge haben es zuwege gebracht, daß die Firma später Weltruf genoß. Ihre Emaillewaren konnte man allerorts im In- und Auslande finden. Außer diesem Werk, das sich im Jahre 1898 unter dem Namen „Westfälische Stanz- und Emailierwerke“ in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hatte, entwickelten sich um die Jahrhundertwende weitere Stanz- und Emailierwerke, die ihren Schrittmachern hart auf den Fersen gefolgt sind und zum Teil ebenfalls einen sehr bedeutenden Umfang angenommen haben. Einige dieser und mehrere in der Kriegs- und Nachkriegszeit entstandene Werke haben das Verzinnen und Verzinken von Gegenständen zu ihrem Haupterzeugnis gemacht. Drei Maschinenfabriken sind ansässig, die in erheblichem Umfange landwirtschaftliche Maschinen und Geräte aller Art anfertigen.
Der eigentliche Aufschwung vom Landstädtchen zur Industriestadt trat erst ein, als ungefähr gleichzeitig mit dem Emporblühen der Emailleindustrie Tiefbohrungen die Vermutung bestätigten, daß auf Ahlener Gebiet abbauwürdige Kohlenflöze in ausgiebiger Menge vorhanden sind. Diese ersten Bohrungen wurden von dem Fabrikanten Karl Kerkmann, einem Bruder es Direktors Kerkmann, unternommen. Das Mutungsrecht im Osten der Stadt erwarb die Gewerkschaft Westfalen, im Westen die Gewerkschaft Anna-Liese, deren Felder im Jahre 1915 ebenfalls in den Besitz der Gewerkschaft Westfalen übergegangen sind. Westfalen begann am 1. Februar 1909 mit dem Abteufen von Schacht 1 und 2. Die Arbeiten gingen unter so günstigen Umständen und so rasch voran, daß bereits 1912 mit der Förderung begonnen wurde. Während die Wettersohle auf 945m liegt, befindet sich die Fördersohle auf 1035 m, eine Teufe, wie sie keine andere Zeche aufweist. Unter Berücksichtigung der neuesten Erfahrungen wurde die Zeche in kurzer zeit mit den besten Mitteln ausgebaut, und sie kann ohne Uebertreibung als die modernste Anlage im Industriegebiet bezeichnet werden.
Uebertage ist ein umfangreiches Kesselhaus mit 26 Kesseln vorhanden, das den Dampf zum Betriebe von 2 Turbogeneratoren, 3 Fördermaschinen, 2 Turbokompressoren und 3 Kohlenkompressoren erzeugt. Außerdem sind große Bewetterungsanlagen für die Grube vorhanden. Reichlich bemessene Verladeanlagen, eine moderne Wäsche mit Kokskohlenvorratsturm und eine moderne Kokerei von 160 Großkämmeröfen, sowie eine Teer-, Ammoniak- und Benzolfabrik sind in Betrieb. Eine Ringofenziegelei mit künstlicher Vertrocknung und eine zweite normale Ringofenziegelei sichern die Steinversorgung der Anlage. Die Förderung beträgt zur Zeit durchschnittlich 1600t je Tag. Auf jeder Kokerei, also je 80 Oefen, können jährlich etwa 180000t Koks hergestellt werden. Zur Zeit werden 145 Beamte und 2900 Arbeiter einschl. Kokerei beschäftigt. Das Werk selbst ist noch in der Entwicklung begriffen; seine gesamten Einrichtungen sind für 4 bis 5000 Mann Belegschaft gebaut. Die Anlage weiterer Schächte steht in naher Aussicht.
Um den Bergleuten gesunde und zweckmäßige Wohnungen zu beschaffen, begann die Gewerkschaft im August 1911 mit dem Bau einer Kolonie in nächster Nähe der Zeche. Diese Stadt für sisch, der rote Fleck in der Landschaft, erstand in kürzester Frist und besteht zur Zeit einschl. der wenigen nach dem Kriege errichteten Bauten aus 100 Beamten- und 1010 Arbeiterwohnungen. Hinzu kommen 128 Wohnungen, die die Bergmanssiedlung errichtet hat, die jedenfalls auch für die nahe Zukunft die Hauptlast des Wohnungsbaues für die Bergleute wird tragen müssen. Diese Neustadt ist unter Berücksichtigung der neuesten Richtlinien auf dem Gebiete des Kleinwohnungswesens und Städtebaues angelegt worden und wird allgemein als sehenswerte Musteranlage anerkannt.
Die Entwicklung der Stadt dürfte daher so, wie sie am Ende des ersten Jahrzehntes dieses Jahrhunderts eingesetzt hat, sprunghaft weitergehen. Die Einwohnerzahl, die im Jahre 1840: etwa 2000 Seelen, 1890: 4989, 1900: 6568 betrug stieg 1910 auf 10742. Bei Kriegsausbruch hatte sie bereits 18000 erreicht, war aber während des Krieges auf 16000 zurückgegangen, um nahher um so rascher zu steigen. Die Zahl beträgt heute (1917) über 21000.
Unter Anspannung aller Kräfte war die Stadt bestrebt, den Bedürfnissen dieses raschen Emporblühens in jeder Weise Rechnung zu tragen. Schon 1897 wurde das neue Amtsgericht erbaut und im gleichen Jahre mit der Errichtung des Elektrizitätswerkes begonnen, das 1913, als die Erweiterung auf dem bisherigen Grundstück unzweckmäßig erschien, stillgelegt und als Werkstättengebäude für die städtischen Betriebe und als Turnhalle eingerichtet wurde. Die elektrische Licht- und Kraftversorgung erfolgt jetzt durch die ueberlandzentrale Westfalen. Auch das im Kirchspiel Sendenhorst 1905 errichtet städtische Wasserwerk hat nach kaum 17jähriger Tätigkeit seinen Betrieb eingestellt, da es den Anforderungen nicht mehr genügte und ein weiterer Ausbau nicht angängig war. Die Stadt bekommt ihr Wasser jetzt von dem Kohlenrevier in Gelsenkirchen, Abteilung Unna. Ebenfalls im Jahre 1905 wurde mit dem baudes neuen, in echtem material errichteten Rathauses begonnen, das den jetzigen Ansprüchen nicht mehr genügt, so daß mit einer mehrfachen Erweiterung gerechnet werden muß. Vorerst sind einige der der ausdehnung am meisten unterworfenen Dienstzweige in besonderen Gebäuden untergebracht.
Die Grundsteinlegung der neuen katholischen Kirche, der Marienkirche, fand 1902 statt. Dem von der Hand des Kölner Meisters Becker am Schnittpunkt der Ost- und Weststraße erreichteten monumentalen Bau gebührt sowohl bezüglich seiner Stellungim Stadtbild als auch als Bauwerk ein erster Platz unter den Kirchen Westfalens. die Ausführung einer dritten, der Josefskirche, in der Nähe der zeche, sieht ihrer Wollendung entgegen. Da das kleine evangelische Kirchlein in keiner Weise mehr den heutigen Ansprüchen genügt, muß es sehr bald einem größeren Neubau Patz machen.
Den körperlich Leidenden helfen im Verein mit fünf Aerzten die Schwestern vom hl. Franziskus im St. Vinzenz-Hospital. Das im Jahre 1860 erbaute und 1907 um das Doppelte erweiterte Krankenhaus soll, sobald die Zeitverhältnisse dies gestatten, infolge Platzmangel seine Bestimmung wechseln. Hierfür soll eine umfangreiche und mist besten Mitteln ausgestattete Anlage in luftreicher Umgebung erstehen. 1928 erstand das St. Franziskus Hospital.
Der Bau eines Schlachthauses mit Kühlhaus ist ebenfalls nur eine Frage der Zeitverhältnisse. Die Zusammenfassung der Kanalisation der Altstadt mit den Teilkanalisationen der neuen Stadtteile zu einem Ganzen und die Errichtung einer mechanisch-biologischen Kläranlage mußte infolge des Krieges leider unterbrochen und kann der leidigen Geldfrage wegen vorläufig nicht weitergeführt werden.
Aus auf dem Gebiete des Schulwesens sind große Veränderungen eingetreten. Auf dem Platze hinter der alten Kirche steht unter hohen Bäumen verträumt ein viereckiger, schlichter aber anheimelnder Bau, dessen ursprüngliche Bestimmung nicht mehr zu erkennen ist, der aber z. Zt. instandgesetzt wird, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Es ist dies das erste und seinerzeit einzige Ahlener Schulhaus, das nur zwei Klassenräume enthielt und in der nur ein Lehrer unterrichtete. In ihm sind jetzt die Vereine der alten Pfarre untergebracht.
Nachdem in längeren Zwischenräumen vier mehrklassige Schulen errichtet waren, wurden in rascher Folge in den Jahren 1912 bis 1913 und 1913 bis 1914 je eine sechzehn- bzw. vierzehnklassige Volksschule mit modernster Einrichtung und Nebenanlagen erbaut. Ein weiteres sechzehnklassiges Schulgebäude mit Zeichensaal, Kochschule, Badeanlagen, zwei Wohnungen usw. ist trotz der großen geldlichen Opfer in der Ausführung begriffen. Die Schulfrage wird auch fernerhin große Anforderungen an die Finanzen der Stadt stellen, Ausgaben, die aber die besten Zinsen tragen un keinem eine Last sein sollen.
Auch die Rekotratsschule hat ihr Gewand geändert. Nach ihrer Umwandlung und ihrem Ausbau zum Realgymnasium langten die Räume in dem jetzigen, an sich hübschen an der Ostenpromenade-Südstraße gelegenen Gebäude in keiner Weise mehr zu. Um den Unterricht einigermaßen geregelt durchführen zu können, hat die Anstalt vorläufig ihre Räume mit denen der neuen Westenschule vertauscht. Die Anstalt besuchten im letzten Jahre 170 einheimische und 90 auswärtige Schüler. Der Entwurf für einen zweckentfremdeten und der Stadt zur Zierde gereichenden Neubau harrt seit 1914 und hoffentlich nicht allzulange mehr der Ausführung.
Inmitten eines prächtigen Parkes liegt abseits vom Fabrikbetrieb und hauptverkehr das im Jahre 1902 von den Schwestern Unserer lieben Frau errichtete Pensionat St. Michael. In ihm befindet sich ein Lyzeum, eine handelsschule, höhere Handelsschule und Haushaltungsschule. Das Lyzeum besuchten zuletzt 315, die Haushaltungsschule 54, die Handels- und höhere Handelsschule 170 einheimische und im Pensionat untergebrachte asuwärtige Schülerinnen. Von denselben Schwestern wird auch die Kinderbewahrschule geleitet, die ein eigenes Heim mit Vortragssaal an der Promenade besitzt.
Handel und Wandel brachten es mit sich, daß die Reichsbank hier im Jahre 1906 eine Nebenstelle errichtete. Für diese soll in allernächster Zeit ein eigenes Bankhaus mit vier Wohnungen an dem Schnittpunkt der Körner- und Gerichtsstraße erbaut werden. Die städtische Sparkasse, deren Geschäfte einen ganz erheblichen Umfang angenommen haben, beabsichtigt ebenfalls aus Raummangel, sobald angängig, einen bereits vorliegenden Entwurf zu einem geschmackvollen, groß angelegten Kassengebäude zur Ausführung zu bringen. An sonstigen Geldinstituten sind vorhanden die Filialen der Essener Credit-Anstalt und des Barmer Bankvereins, der Ahlener Volksbank und der Ahlener Spar- und Darlehenskassenverein.
Den veränderten Verkehrsverhältnissen hat auch die Postverwaltung dadurch Rechnung getragen, daß sie am Treffpunkt der Post- und Bismarckstraße einen erweiterungsfähigen Neubau errichtet hat. Ebenso entschloß sich die Eisenbahnverwaltung beim Ausbau der Strecke Hamm-Hannover Ahlen einen neuen Personenbahnhof und getrennt hiervon einen Güterbahnhof zu bescheren. Die großzügigen Anlagen in Verbindung mit den seitens der Stadt hergestellten und zum Teil noch auszubauenden Straßen- und Platzanlagen dürften für die Zukunft nicht nur gesteigerten Verkehr aufzunehmen imstande sein, sondern auch dem Stadtbilde zur Verschönerung dienen.
Die rasche Umwandlung des Landstädtchens zur Industriestadt und die damit verbundene rasche Bevölkerungszunahme verlangte naturgemäß bei Aufbietung größter vorausschauender und planender Umsicht die Anspannung und Indienststellungaller städtebaulichen und verwaltungstechnischen Kräfte, um Fehler zu vermeiden, wie sie im Zentrum des Industriegebietes als warnende Beispiele zu finden sind. So wurde als erste weitschauende Maßnahme in jahrelanger Arbeit die Separation der ganzen Feldmark vorgenommen, deren Segen erst nach ihrer Durchführung, dann aber allgemein anerkannt wurde.
Im Anschluß an die Zusammenstellung wurden bei Aufstellung des Bebauungplanes für das ganze Stadtgebiet die sich auf den alten Wallanlagen und weiter die Warendorfer Straße hinausziehenden, mit schönen Bäumen bestandenen heckenumrahmten Promenadenwege mit den vorgesehenen Anlagen zu einem Ganzen vereinigt, das strahlenförmig die Stadt im Grünen der verschiedensten Art versetzt und bei weiterschreitender Bebauung dazu berufen ist, als Lungenflügel zu dienen und versöhnend dem Mangel an Naturschönheiten abzuhelfen. Die Einteilung in Baugebiete und die Verweisung der Fabriken in den Osten der Stadt, getrennt durch den Damm der Staatsbahn von der westlich gelegenen Wohnstadt, geben weiterhin die Gewähr dafür, daß in hygienischer, ästhetischer und städtebaulicher Hinsicht alles getan wird, um die Entwicklung in die richtigen Bahnen zu leiten und der Werdenden nicht nur die nötigen Lebensbedingungen, Licht und Luft sondern auch das schmückende Beiwerk zu geben, das sie befähigen soll, auch im Alter ein stattliches Aeußere und ein schönes Antlitz zu tragen.
Der Kriegstrompete rauher Ton hat leider auch hier dem raschen Vorwärts ein Halt geboten. Fast schien es, als ob so manche Fabrik, so mancher Betrieb die in den ersten Auggusttagen 1914 geschlossenen Tore vorerst nicht wieder öffnen würden, aber der alte Geist ließ sich nicht unterdrücken. Die Anpassungsfähigkeit der deutschen Industrie und die elastische Zähigkeit, mit der bisher aufgebaut war, brachten es zuwege, daß nicht nur sämtliche Betriebe wieder in vollen Gang kamen, sondern auch viele noch genz erheblich erweitert und neue eröffnet wurden.
Der reiche Geldstrom, der während des Krieges in unsere Stadt geleitet wurde, hat aber nicht nur zum Auf- und Ausbau alter und neuer Werke gedient, er hat auch manche durch den Krieg geschlagene Wunde geheilt. Leider aber ist von vielen, die da am goldenen Brunnen gesessen und statt Flachs Seide gesponnen haben, vergessen worden, daß sie dem lieben Nächsten, dem Vaterlande und nicht zuletzt sich selbst, den größten Dienst erwiesen hätten, wenn sie einen Teil des oft mühelos errungenen, in festen Werten, in Wohnungen angelegt hätten. Der Segen daraus wäre nicht ausgeblieben. Möchte ein jeder, der mitverantwortlich ist, sich dereinst nicht zu sagen brauchen: an diesem und jenem siechen Körper, an dieser und jener kranken Seele, an diesem und jenem ärgsten Mißstande der menschlichen Gesellschaft bist du mitschuldig, weil du nicht rechtzeitig den Blick auch deinen mitarbeitenden Nächsten zuwandest, der nicht wußte, wo er mit seiner Familie sein Haupt hinlegen sollte. Es ist aber immer noch nicht zu spät, auch hier Gutes zu schaffen.
Helft uns aufbauen die Zelle des Staates, dann wird auch das große Gebäude, das deutsche Vaterhaus, trotz Not und Tod bald wieder strahlen voll Sonne, und auch für Ahlen die Zukunft das halten, was die Vergangenheit versprochen und in rascher Folge die gesteckten Ziele und Hoffnungen erfüllen.

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