Reklame im Ahlener Geschenk-Kochbuch
Der zweite Gastbeitrag stammt von Edgar P. Nahrath. Diesmal geht es um das leibliche Wohl in vergangenen Zeiten und um das Ahlener Geschenk-Kochbuch.
Das Ahlener Geschenk-Kochbuch
Zu Mittag wollte ich einmal Himmel und Erde essen. Wie das geht, wusste ich nicht. Also zog ich ein westfälisches Kochbuch aus dem Regal und blätterte darin. Es war das Ahlener Geschenk-Kochbuch.
Meine Eltern, Carl und Gertrud Nahrath, geborene Hausen-Mabilon, hatten es 1929 als Hochzeitsgeschenk auf dem Standesamt Ahlen überreicht bekommen. Heute residiert in dem ehemaligen Rathaus am Marktplatz die Volkshochschule. Als Erstes fiel mir aus den Seiten der damalige Begleitbrief entgegen:
Dem jungen Paar!
Wir erlauben uns, Ihnen unsere besten Wünsche zu Ihrem jungen Glück zu senden und eine kleine Gabe zuzuschicken, die, wie wir hoffen, Ihren Beifall finden wird. Das sicher willkommene Kochbuch, das wir Ihnen anbei übersenden, ist nach unserer Meinung das passende Geschenk für Ihre junge Ehe; birgt es doch in sich ein gut Teil Familienglück; es wird Ihnen im Laufe der Zeit zu einem geschätzten, zuverlässigen Ratgeber werden. Für alle Dinge Ihres täglichen Bedarfs enthält das Buch die Anschriften und Anzeigen guter Häuser, bei denen Sie Ihre Einkäufe besorgen und Ihre Wünsche befriedigen können. An alle Bedürfnisse ist gedacht, und wir alle legen nicht nur Wert darauf, mit Ihnen Geschäfte zu machen, sondern Sie auch zufrieden zu stellen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Theodor Althoff / Heinr. Budde / Ferd. Holtermann / Ostermann & Haverkamp / Radiohaus Herm. Soboll / Georg Rexhausen / Joh. Rump / Bernhard Tinnermann Söhne / G. H. Wissmann & Co.
Die Unterzeichner sind offensichtlich die Herausgeber des auf 326 Seiten bedruckten, in rotes Leinen gebundenen Buches. Der letzten Zahl schließen sich noch 26 unbedruckte Seiten an. Meine Mutter hat sie eng in Sütterlin* mit eigenen Rezepten beschrieben.
Auf der ersten freien Seite hinten steht in Altdeutsch die Überschrift: „Kochrezepte aus eigener Erfahrung, nur mit Tintenstift beschreiben.“ Was ein Tintenstift** ist? Wikipedia half mir nicht weiter. Meine Mutter schrieb ihre weiteren Koch-Erkenntnisse mit Bleistift auf die freien Seiten.
Interessant sind auch die auf dickerem, farbigem Papier gedruckten Reklameseiten der Firmen, die sich dieses für Hochzeitspaare bestimmte Geschenk ausdachten. Die Hinweise auf sie sind wahllos im Text verteilt. Es sind Namen, die mir – Jahrgang 1942 – zum Teil noch bekannt sind, jüngeren Lesern aber wahrscheinlich überhaupt nicht mehr.
Werbung im Kochbuch
Auf der Innendeckelseite des voluminösen Geschenks annonciert unter dem Bild des Einkaufstempels:
„Ihre Einkaufsstätte für Kleiderstoffe, Seidenstoffe, Baumwollwaren, Damenkonfektion, Herrenkonfektion, Wäsche, Teppiche und Gardinen, Strümpfe, Trikotagen, Handschuhe, Handarbeiten, Kurzwaren, Herrenartikel, Betten – Theodor Althoff, Ahlen (Westf.).“
Es folgt auf der ersten Innenseite, beide Anzeigen sind wie alle anderen ebenfalls mit schwarzen Strichen eingerahmt, ein fetter Bindestrich und dann in Fettdruck:
„– und warum?“
„Althoff führt in allen Abteilungen des großen Hauses eine reiche Auswahl, in der jeder Käufer findet, was er sucht. Althoff ist bekannt durch seine guten Waren, die jeder Prüfung standhalten und sich auf die Dauer bewähren. Althoff ist billig! Die Warenbeschaffung über den mächtigen Karstadt-Konzern mit seiner Eigenherstellung und Einkaufsorganisation ermöglicht niedrigste Preise! Althoff bewahrt und vergrößert seinen Kundenkreis durch stets erneute Leistung. Darum auch für Sie: Theodor Althoff Ahlen (Westf.)“
Übrigens ist das gezeichnete Bild des Kaufhauses identisch mit der heutigen Ansicht. Inzwischen wechselten die Firmen. Mir sind noch Jürs & Tombrock und Hettlage in Erinnerung; heute bot dort – jedenfalls 2019 – H&M seine Waren an, allerdings nur noch im Parterre. Die oberen Etagen schienen, anders als früher, unbenutzt zu sein.
Auf der Folgeseite annonciert:
„Georg Rexhausen, Ahlen, Osstraße 68; Atelier für photograph. Bildnisse, Vergrößerungen, Malereien, Anfertigung von Photographien jeder Art, Vereins-, Familien- und Hochzeitsgruppen, große Porträts nach jedem Bilde, in allen Farben und Größen; Atelier täglich, auch sonntags geöffnet.“
Auf der ersten Innenseite steht dann wieder der Titel des Buches: „Ahlener Geschenk=Kochbuch für junge Ehen“. Gedruckt wurde das Werk in der „Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei“. Leider findet sich keine Jahresangabe.
Die Ausstellungsräume von Joh. Rump befanden sich laut rosanem Zwischenblatt auf der Weststr. 25 (S. 80). Sein Werbetext lautet:
„Ins eigene Heim ein Junker & Ruh Gasherd.“
Auf der Rückseite wirbt:
„Heinrich Budde, Schneidermeister, Ahlen, Beckumerstr. 53, empfiehlt sich zur Anfertigung feiner Herren- und Damengarderobe nach Maß, Garantie für erstklassigen Sitz, reichhaltiges Lager in modernen deutschen und englischen Stoffen, prompte Lieferung, billige Preise, auf Wunsch Teilzahlungen.“
Nun folgt auf blauem Papier auf S. 160 die Werbung eines Möbelgeschäfts, damals „Nordstraße 5, Fernruf 165, gegründet 1882“, mit dem Slogan:
„Möbel kauft man im Leben einmal. Meine Möbel sind erstklassig, dafür bürgt mein Firmen-Name Bernhard Tinnermann Söhne.“
Wer steht heute noch persönlich mit seinem Namen für seine Produkte ein – außer vielleicht Hipp und Trigema?
Auf der Rückseite des Blattes steht:
„Möbel kauft man nur beim Fachmann, Küchen, Schlafzimmer, Speisezimmer, Herrenzimmer, Polsterwaren, Einzel-Möbel.“
Hervorgehoben wird die „Eigene Werkstelle“.
Nach Seite 240 folgt das nächste feste Annoncenblatt. Auf dessen Vorderseite wiederum eine Bewerbung von Bernhard Tinnermann Söhne mit dem Hinweis:
„Ältestes Geschäft am Platz – Lieferung franko Haus – auch nach außerhalb.“
Weiß unsere Jugend noch, was franco heißt? Das hat jedenfalls nichts mit dem spanischen Generalissimus zu tun. Erstaunlich, wie viele Wörter sich in nicht einmal hundert Jahren verändert haben oder ganz verschwanden.
Auf der Rückseite wirbt erneut Johannes Rump, nun noch mit seinem „Fernruf 204“, als:
„Das Spezialhaus für Herde, Öfen, Haus- und Küchengeräte.“
Auf rosa Papier steht nach S. 312:
„Ein gemütliches Heim schafft der Rundfunk, Radiohaus Soboll, Osstraße 51, Telefon 694, auf Wunsch Zahlungserleichterung, gute Auswahl, reelle Bedienung.“
Rückseitig der Hinweis:
„Sie sparen Geld, wenn Sie Ihre Möbel bei G. H. Wissmann & Co., Ahlen i. W., nur Lütkeweg 28, Telefon 124, dem größten und leistungsfähigsten Haus am Platze kaufen. Ständiges Musterlager von 70–80 Zimmern. Wir gewähren auf Wunsch Zahlungserleichterung.“
Es folgt nach S. 320, nun auf blauem Papier, die Anzeige des:
„Ersten Fachgeschäftes für Haus- und Küchengeräte, Glas-, Porzellan- und Luxuswaren, Bestecke, massiv Silber, versilbert, Alpaka, zuvorkommende Bedienung!“
Das alles verspricht Ferdinand Holtermann, Ahlen in Westf., Weststr. 5, Mitglied des ‚Nürnberger Bundes‘, gemeinsamer Einkauf von 500 deutschen Fachgeschäften!“
Auch das Wort Alpaka ist aus dem alltäglichen Sprachgebrauch fast verschwunden.
Auf der Rückseite macht Ostermann & Haverkamp, Ahlen, Lütkeweg 38, Telephon 242, Reklame für:
„Großes Lager in Kohleherden, Gasherden, kombinierten Herden für Kohle und Gas, Badewannen, Waschmaschinen, Wringmaschinen, emaillierte Küchenaussteuer usw., günstige Einkaufsquelle für Brautleute, bequeme Teilzahlung.“
Hier fällt die unterschiedliche Schreibweise von Telefon auf – einmal mit „f“, dann wieder mit „ph“, wie auch bei Photographien in der Anzeige Rexhausen. An den kurzen Rufnummern ist ersichtlich, dass Fernsprechgeräte damals nur vereinzelt verfügbar waren. Im heutigen Smartphone-Zeitalter kaum vorstellbar. Wer kann sich außerdem noch etwas unter einer Wringmaschine vorstellen?
Die letzten Seiten werden wie folgt beworben, diesmal wie eingangs auf gelblichen Blättern:
„In jede Ehe gehören Bücher. Jeder Ahlener Buchhändler legt sie Ihnen vor.“
Und die letzten beiden Blätter – ebenso wie die Rückseite des Umschlags – sind ebenfalls bedruckt:
„Das Neueste u. Schönste der Mode in Stoffen und Fertigkleidung für Dame, Herr und Kind. Modewaren jeder Art, Wäsche, Strümpfe, Strickwaren, Herrenartikel usw. bringt in vorbildlicher Auswahl, in einfachen und feinen Ausführungen gut und preiswert Theodor Althoff.“
„– und was Sie fürs Heim brauchen, damit es schön und behaglich bei Ihnen ist: Gardinen, Dekorationen, Teppiche, Läuferstoffe usw. finden Sie selbstverständlich mustergültig und äußerst vorteilhaft in unserer großzügigst ausgestatteten Spezial-Abteilung“ von Theodor Althoff, Ahlen (Westf.).
Da dieses Modehaus im Buch mit Reklameseiten überpräsent vertreten ist, dürfte Althoff der Hauptsponsor der Kochfibel für junge Paare gewesen sein. Die damaligen Kaufleute versprachen sich offensichtlich viel von diesem Werbeartikel. Dass er bis heute Bestand hat, beweist mein Bücherschrank. Das Druckwerk überlebte die Werbenden.
Ach ja – weshalb schaute ich überhaupt in das Buch? Ich wollte das Rezept für Himmel und Erde*** herausfinden. Meine Cousine Erika in Bochum teilte es mir schließlich telefonisch mit. Normalerweise erleichtert heute das Internet die Suche. Werden Bücher irgendwann aussterben? Dieses Exemplar werde ich aufbewahren und an eines meiner Kinder weiterreichen. Es wird allerdings Schwierigkeiten haben, die in Sütterlin notierten Rezepte der Oma zu entziffern. Der gedruckte Kochbuchteil birgt übrigens noch weitere Geheimnisse. Vielleicht werde ich sie später einmal darstellen.
Was die Hausfrau vor 100 Jahren zu beachten hatte
von Edgar P. Nahrath
Beim Blättern in Kochbüchern meiner Mutter stieß ich auf hundert Jahre alte Ratschläge an junge Frauen, wie sie sich in der Küche zu verhalten hätten. Die dortigen Verhaltensregeln sind aus heutiger Sicht bisweilen spaßig zu lesen. Radikal änderten sich die Küchengeräte, die Herde, die Kochmethoden und die Rezepturen. Die Zutaten wurden reichhaltiger, die Sprache wandelte sich. Mit vielen der damaligen Ratschläge können wir heute kaum noch etwas anfangen. Keinen interessiert es mehr, wie im Herbst Obst zu lagern ist oder wie Eier über Monate haltbar verpackt werden. Nachfolgend gebe ich einige Hinweise aus dem um oder nach 1910 entstandenen Kochbuch wieder.
Die Küche
„Eine von Ordnungsliebe zeugende Küche gereicht einem Haushalte zur größten Zierde; nicht selten wird nach dem Zustand der Küche der Zustand des ganzen Hauswesens beurteilt. Abgesehen von dem empfehlenden Eindruck, den die wohlgeordnete Küche auf den Eintretenden macht, läßt es sich darin auch viel besser arbeiten, da man in ihr nicht erst jeden Gegenstand vor seiner Benutzung suchen muß, sondern ganz genau weiß, wo er zu finden ist.“
„Außer Ordnungsliebe sind Reinlichkeit und Sparsamkeit diejenigen Eigenschaften, die beim Kochen in erster Linie stehen. Dieselbe Reinlichkeit, welche bei allen Verrichtungen in der Küche und beim Kochen nötig ist, hat die Köchin auch an sich selbst zu beobachten; sie beginne die Kocharbeiten nicht, ohne sich vorher das Kleid abgebürstet zu haben, damit kein Staub oder Haar in die Speisen falle. Die gefährliche Untugend, Stecknadeln an sich zu tragen, meide die Köchin stets; auch soll sie vor dem Kochen sowie nach jeder schmutzigen Arbeit, wie Kohlen holen, Kartoffeln schälen usw., die Hände waschen.“
„Zu Sparsamkeit gehört unter anderem die richtige Behandlung des Herdfeuers; man fange mit dem Feuern des Herdes nicht früher an, als bis die zu kochenden Speisen zugerichtet sind, auch überlege man immer, ob die oder jene Speise ein starkes, schnelles oder bloß mäßiges Feuer gebraucht. Wo das Kochen mit Gas möglich ist, ist der Gasherd stets dem Kohlenherd vorzuziehen. Es ist ein viel saubereres Arbeiten und, bei richtiger Bedienung des Gasherdes, auch ein billigeres. Man kann beim Kochen mit Gas viel sparen, wenn man zur rechten Zeit – das ist im Augenblick, wo die Speisen anfangen tüchtig zu kochen – die Flamme klein stellt und nie eher anzündet, ehe der Topf ganz fertiggerichtet daneben steht. Außerdem darf man für Speisen, die nur zu wärmen sind, oder für Töpfe mit Wasser nie eine eigene Flamme gebrauchen, sondern man muß sie auf einen Topf stellen, in dem etwas kocht. Sie werden oben ziemlich bald stark erhitzt. Voraussetzung bei dieser Art ist natürlich, daß die unteren Töpfe einen etwas kleineren Durchmesser haben als die daraufgestellten.“
„Beim Anordnen der Mahlzeiten ist stets auf die etwaigen Überbleibsel Rücksicht zu nehmen. Soll Milch verwendet werden, nimmt man immer die älteste zuerst.“
Anzünden und Regulieren des Feuers
„Um ein gutes Feuer im Herd anzumachen, müssen vor allem die Kohlen und die Schlacken herausgenommen werden; damit die Herdplatte nicht zu sehr beschmutzt wird, legt man ein Stück Papier oder einen alten Pappdeckel darauf und hierauf die aus der Asche ausgesuchten, nur halb verbrannten Kohlen. Die Schlacken kommen gleich auf die Kehrichtschaufel. Nachdem das Wasserschiff aufgefüllt ist, macht man das Feuer an. Man legt auf den Rost ein zerknittertes Papier und auf dieses ganz fein gespaltene Holzstückchen, öffnet den Schieber und zündet dann das auf den Rost Eingelegte an. Nun legt man gröber gespaltenes Holz darauf, und wenn das Feuer flott brennt, tut man zuerst etwas frische Kohlen, dann die alten, aus dem Herde genommenen, darauf. Sind die Kohlen oder der Koks gut angebrannt, reguliert man von nun an das Feuer mit dem Schieber, den man, um das Feuer zu mäßigen, zur Hälfte oder noch mehr zuschiebt. Wenn das Feuer nicht recht brennen will, hilft man mit dem Feuerhaken nach. Man durchzieht von unten her durch alle Geleise des Rostes und läßt den Schieber so lange offen, bis das Feuer wieder die nötige Hitze ausstrahlt.“
Die Kochkiste
„Koch- oder Heukisten sind jetzt nicht mehr selten, sondern werden in den meisten Familien benutzt. Jede Hausfrau muß heute wissen, wie eine solche Kiste beschaffen ist, wie sie hergestellt werden kann und wie die Speisen zu behandeln sind, die in ihr gekocht werden sollen.“
„Zur Herstellung der Kiste nimmt man eine kräftige Holzkiste, möglichst ohne Ritzen. Zur Not verrichtet auch ein Korb dieselben Dienste, wenn er innen mit einem dicken Tuch oder einem Wachstuch bekleidet ist.“
„Man kann selbstverständlich die Kiste für einen Topf oder mehrere Töpfe einrichten. Die Töpfe stehen dann neben- oder übereinander. Am besten eignen sich Kochkistentöpfe mit Patentverschluß.“
„Unter den Topf muß eine 8–10 cm dicke Lage Heu, Holzwolle, Stroh, Späne, Roßhaare, Zeitungspapier oder dergleichen festgedrückt werden. Der Topf wird mitten daraufgestellt und rings mit Holzwolle usw. fest gestopft.“
„Der Raum zwischen Seitenwand des Topfes und den Kistenwänden muß etwa 8–10 cm groß sein, weil nur dann der schlechte Wärmeleiter zur Isolierung genügt.“
„Zur Auskleidung der Isolierwände benutzt man ein entsprechend großes Tuch aus Wolle, Flanell oder ähnlichem. Der Stoff wird über die ganze Fläche der Kiste gelegt und sternartig über den Topf ausgeschnitten, dann wird der Topf herausgenommen, die Tuchläppchen werden in die Öffnung geschoben, die Öffnung wird mit einem zweiten Stück Stoff sauber ausgefüllt und der Wollstoff am Kistenrand unter einem Band oder einer Leiste befestigt. Der Kistendeckel wird auch 8–10 cm dick gefüllt und mit Wollstoff bezogen. Das Kissen muß bei geschlossener Kiste noch Platz haben. Dem Kistendeckel gibt man noch zweckmäßig einen Lattenrand hinzu, falls man nicht vorzieht, ihn mit Scharnieren oder Verschlußhaken zu beschlagen. Der feste Verschluß ist die Hauptsache.“
„Um unbequemes Bücken zu vermeiden, gibt man der Kiste bisweilen entsprechend hohe Füße oder stellt sie auf einen Hocker. Was in der Kiste gar werden soll, wird auf Gas-, Petroleum- oder Spirituskocher oder auf dem Herd zunächst angekocht und dann in die Kiste gesetzt. Nach einigen Stunden ist alles gar. Es empfiehlt sich sehr, einige Minuten vor dem Einsetzen in die Kiste den Topfdeckel nicht mehr zu heben, denn der erzeugte Dampf ist für das Garmachen wesentlich.“
„Ankochzeiten (vom Augenblick des Kochens angerechnet): Hülsenfrüchte 5–10 Minuten, Haferflocken, Reis, Grieß, Grütze und Graupen 2–3 Minuten, Suppe 3–5 Minuten, Kartoffeln (geschälte) 3–5 Minuten, Kartoffeln in der Schale 5–8 Minuten (danach Kartoffeln abgießen, bei offenem Deckel dämpfen und noch etwa 2 Minuten mit geschlossenem Deckel auf den Gaskocher stellen. Kartoffeln dürfen nicht mit Wasser in der Kochkiste stehen.) In einer gut gearbeiteten Kochkiste werden die Speisen nicht nur völlig gar, sondern halten sich noch 4–5 Stunden lang warm. Im allgemeinen richtet man sich nach den gewohnten Kochvorschriften. Was schwer weich wird, zum Beispiel Hülsenfrüchte, Sauerkraut, wird schon am Abend angekocht und über Nacht in die Kiste gestellt. Am Morgen kocht man dann nochmals mit Fleisch und Kartoffeln 20 Minuten, bevor man das Gericht wieder in die Kiste stellt.“
„Am wichtigsten ist die Kiste für die Frau, die nur morgens einige Stunden für ihren Haushalt findet. Sie kocht Fleisch und Gemüse etwa 20 Minuten, legt die Kartoffeln dann darauf und kocht, ohne den Deckel zu heben, etwa eine Viertelstunde, dann setzt man die Töpfe bis zur Essenszeit in die Kiste. Braten werden wie gewöhnlich im Topf angebraten und Wasser hinzugegeben, dann läßt man sie noch etwa 10 Minuten fest zugedeckt kochen, ehe man den Topf in die Kiste setzt. Wenn man will, kann man sie nachträglich noch eine halbe Stunde auf dem Herd schmoren lassen.“
„Überall gibt man etwas weniger Wasser hinzu, da fast nichts einkocht. Selbstverständlich müssen auch bei der Kochkiste die Hülsenfrüchte am Tag vorher eingeweicht werden.“
„Jedes Gericht wird so früh wie möglich in die Kiste gesetzt. Längeres Stehen schadet nicht. Der Geschmack der Speise bleibt immer vorzüglich. Die wohlriechenden und wohlschmeckenden Stoffe des Fleisches können nicht, wie beim üblichen Kochen, mit dem Dampf entweichen.“
Das Reinigen der Küche und der Küchengeräte
„Das Spülen der Geschirre soll mit großer Achtsamkeit und Sorgfalt geschehen. Die Gläser müssen vor allen anderen Kochgeschirren in warmem Wasser gespült werden; dann läßt man sie ablaufen und reibt sie so lange mit einem trockenen Tuche, bis sie ganz klar sind. Beim Spülen der Tassen reinigt man den Henkel mit einem Bürstchen oder dem Zipfel des Spültuches. Das Reinigen des Geschirrs kann sehr erleichtert werden, wenn man es gleich nach dem Gebrauche ins Wasser legt oder Wasser dareinschüttet, damit die Speisereste nicht antrocknen. Die weniger befetteten und beschmutzten Sachen werden zuerst gespült; man wäscht sie in heißem Wasser mit dem Spültuch ab, schwenkt sie dann in warmem Wasser nach, läßt sie ablaufen und reibt sie dann trocken. Die Hefte der Messer und Gabeln dürfen nicht in heißes Wasser kommen, weshalb man darin nur die vorhandenen Teile reinigt und dann das ganze Besteck in lauem Wasser nachspült. Zum Blankputzen der Bestecke taucht man einen feuchten Korkpfropfen in gesiebten Hammerschlag oder geschabten Putzstein und reibt damit auf der Metallfläche hin und her.“
„Die eisernen Kochlöffel werden mit Sand gefegt (abgerieben), ebenso Rührlöffel und Schaufel usw., die emaillierten Töpfe reinigt man mit Kleie, Silbersand oder Vim. Das Kupfergeschirr und Messing wird mit einem Teigchen aus einer Tasse Essig, einem Löffel Salz und einem starken Löffel Mehl geputzt und dann in Sodawasser abgewaschen, damit kein Tropfen Essig daran bleibe. Aluminium wird mit Vim gescheuert, von Soda und Seife wird es angegriffen. Nachdem die Kochtöpfe noch abgeschwenkt wurden, reibt man sie mit dem gut ausgewundenen Spültuche aus und läßt sie umgestülpt auf dem warmen Herde austrocknen. Nun wäscht man den Ablauftisch ab, nimmt das Spültuch heraus, taucht den für den Herd bestimmten Lumpen in das Spülwasser und reinigt damit und mit Sand die Herdplatte; nachdem der Sand getrocknet ist, wird er mit einem stumpfen alten Messer aus den Herdringen und Spalten wieder entfernt und weggekehrt. Wenn es die Zeit erlaubt, ist es gut, die Beschläge des Herdes jeden Tag mit einem feuchten Tuch abzuwischen und hierauf wieder recht trocken zu reiben, da sich dann keine Rostflecken darauf bilden und sonst andere Flecken sich bis zur wöchentlichen gründlichen Reinigung des Herdes so festsetzen, daß sie nur mühsam wegzubringen sind. Ist der Herd in Ordnung, so wird in die Spülgelte frisches heißes Wasser genommen, das Spültuch sowie Herd- und Feglumpen werden darin ausgewaschen, dann die Spül- und Schwenkgelte sorgfältig gebürstet und alles ausgetrocknet; endlich wird der Küchenboden gekehrt, aufgewaschen und die Küche abgestäubt.“
„Neues eisernes Geschirr wird vor dem erstmaligen Gebrauch mit Wasser und 1/8 l Vitriol gefüllt und über Nacht an einem Orte stehen gelassen, wo es für Kinder nicht erreichbar ist, da sonst leicht ein Unglück entstehen könnte; dann schüttet man es aus, kocht in dem Topf Holzasche oder Kohlenasche mit Wasser, fegt ihn dann mit Sand und schwenkt ihn mit Wasser aus.“
„Alle acht Tage muß die Küche sowie die darin befindlichen Gerätschaften gründlich gereinigt und blank geputzt werden. Den Abend vorher, solange kein Feuer im Herd ist, wird alle Asche herausgenommen; dann klopft man mit einem dünnen Stocke von oben nach unten von allen Seiten an die Röhre; hierdurch fällt der Ruß in die untere Kapsel; diese nimmt man vorsichtig ab und entfernt behutsam den Ruß. Von Zeit zu Zeit, etwa alle drei Monate, muß die Ofenröhre noch gründlicher gereinigt werden. Man nimmt zu diesem Zweck die untere Kapsel ab, bindet einen Strohwisch an einen Stock und stößt damit einige Male in der Röhre auf und ab; ebenso reinigt man den Winkel, der in das Kamin führt, und den am Ofen befindlichen Raum. Nun räumt man den Holzkasten aus, ordnet ihn und füllt ihn, wenn nötig, wieder mit Holz auf; dann sieht man im Küchenkasten und in der Tischschublade nach, bringt das Verräumte wieder in Ordnung und ersetzt das auf den Brettern liegende Papier, wo nötig, mit neuem.“
„Den anderen Nachmittag, nachdem man das Geschirr wie gewöhnlich gespült, jedoch nicht abgetrocknet hat, werden die übrigen Reinigungsarbeiten aufgenommen, und zwar zuerst die Staub verursachenden, wie das Auskehren der oberen und unteren Ecken und Winkel der Küche. Dann beginnt man mit dem Abwaschen sämtlichen Geschirrs mit Sodawasser, reinigt die Schlüsselbretter mit einem feuchten Tuche und räumt das abgespülte, in klarem Wasser geschwenkte und gut abgetrocknete Geschirr wieder ein. Hierauf werden alle messingenen und kupfernen Gegenstände mit Putzpulver und Putzpomade glänzend gerieben, die Herdplatte in schon angegebener Weise mit Sand gefegt, die Beschläge mit Schmiergelpapier abgerieben, das Wasserschiff und die Messingknöpfe mit Pulver oder Pomade poliert; wenn der inzwischen getrocknete Sand von der erkalteten Herdplatte entfernt ist, ölt man sie mit Erdöl oder altem, zum Kochen untauglichen Fett ein. Nun reinigt man den Ablauftisch mit Bürste und Seife. Wenn er von Zinkblech ist, wird er mit Holzasche und Seife sehr schön. Er sollte nach jedem Spülen trocken gerieben werden. Schließlich reibt man die Fenster aus und wäscht Gesimse, Türen, Küchentisch, Stühle usw. ab.“
„Schließlich werden Spül- und Abwaschtuch mit Schmierseife in heißem Wasser herausgewaschen, Spülgelte und Schwenkkübel, der Wasserstein und Küchenboden, alles mit Schmierseife gebürstet und, nachdem dies beendet, der Wasserhahn blankgeputzt.“
„Der Kehrichtkasten muß von Zeit zu Zeit ausgebrüht und die Stiele der Kehrbesen, Kehrichtschaufeln und Kochlöffel mit Sand gefegt werden.“
„Beim Weißputzen der Küche wird das Geschirr, ehe Kaminfeger und Maler ihre Arbeiten aufnehmen, auf folgende Weise gereinigt:“
„Zwei Kohlenlöffel voll Holzasche werden in einen großen Kessel getan, mit Wasser aufgefüllt und etwa 10 Minuten gekocht, auf die Seite gestellt und die so gewonnene Lauge an einer Handvoll Zinnkraut in die Spülen abgeschüttet; in den Kessel wird wieder Asche getan und mit Wasser noch weitere Lauge gekocht. Nun wird zuerst alles Blech geputzt, indem man von dem Zinnkraut einen Teil nimmt, einseift und das Geschirr damit reibt; dann wird es zuerst mit kaltem, mit Zinnkraut vermengtem Wasser und hierauf in klarem Wasser geschwenkt und womöglich an der Sonne getrocknet. Hat das Blechgeschirr Flecken, die nicht weichen wollen, macht man sie mit Zinnsand, den man beim Zinngießer haben kann, heraus. Eisernes und steinernes Geschirr wird mit der Lauge eine Zeitlang ausgekocht.“
„Im übrigen wird die Küche, wie allwöchentlich, aufs pünktlichste fertiggemacht, was natürlich erst nach dem Weißputzen geschieht.“
„Fächer und Schubladen des Speiseschrankes oder der Speisekammer, des Küchenschrankes und des Küchentisches werden tags zuvor ausgeräumt, abgewaschen und wieder mit reinem Papier belegt. In einer Küche, in der viel Blechgeschirr ist, sollte immerhin viermal im Jahr mit Lauge geputzt werden.“
Behandlung des Eisschrankes
„Man vermeide, Speisen und Getränke anders als völlig kalt in den Eisschrank zu bringen, sonst entwickelt sich leicht in ihm ein dumpfer, modriger Geruch; man versäume auch nicht, die Innenwände des Schrankes alle acht Tage gründlich auszuwaschen und zu lüften. Nur so behandelt, können die Speisen appetitlich im Schrank aufbewahrt werden. Um das rasche Schmelzen des Eises etwas aufzuhalten, unterlege man es mit einem doppelt zusammengelegten Flanelltuch und gebe ein solches auch oben darauf.“
Anmerkung: Über alle diese Einrichtungs- und Reinigungsfragen unterrichtet laut Kochbuch das Werk Dr. Erna Meier, Der neue Haushalt (Francksche Verlagshandlung, Stuttgart).
Es folgt dort unter anderem noch: Anordnung der Tafel und Servieren der Speisen. Das Decken der Tafel müsse mit größter Sorgfalt geschehen und alles recht gleichmäßig und ordentlich aufgestellt werden.
Vorstehendes übernahm ich wörtlich aus dem Ahlener Geschenk-Kochbuch für junge Ehen. Es wurde von nicht mehr existenten, auch alten Bürgern kaum noch bekannten Ahlener Kaufleuten herausgebracht. Gedruckt wurde es in der Vereins-Buchdruckerei A. G. in Stuttgart. Nach den angegebenen Küchengeräten zu urteilen, dürfte es um 1880 – oder vielleicht noch davor – erstmals erschienen sein. Mit einigen Wörtern im Text kann ich heute nichts mehr anfangen. Was haben wir es da gut. Jedenfalls zeigen die wiedergegebenen Seiten, dass es auch in Küche und Haushalt eine technische Revolution gab. Kaum jemand wird heute darauf verzichten wollen. Irgendwann werden wir uns an „Alexa, gib mir das Rezept für Ragoufin“, an selbständig durch die Wohnung fahrende Staubsauger und Wischroboter gewöhnt haben. Was kommt danach? Vielleicht wird dann jemand verwundert einen Text über Haushaltsgeräte des Jahres 2020 hervorholen und kopfschüttelnd wiedergeben.
Zitate aus alten Kochbüchern
von Edgar P. Nahrath
Mir fielen zwei alte Kochbücher meiner Mutter in die Hand: das Ahlener Geschenk-Kochbuch, höchstwahrscheinlich 1926 in Stuttgart gedruckt, und Henriette Löfflers großes illustriertes Kochbuch, in Ulm in der 10. Auflage 1883 beziehungsweise 1897 erschienen. Viele der Rezepte im Ahlener Geschenk-Kochbuch scheinen aus der älteren Ausgabe der Henriette Löffler übernommen worden zu sein, die der erfahrene Koch Theodor Bechtel ab der 9. Auflage überarbeitete. Die Texte klingen höchst ähnlich. Warum auch nicht auf Bewährtes zurückgreifen?
Manchmal ist es bei mir so, dass mich ein Thema enorm fesselt. Das passierte bei diesen Kochbüchern. Mich fesselten dabei nicht die Rezepte, sondern die vielfältigen, wie aus dem Mittelalter hervorgezauberten Erläuterungen. Sie erstaunten mich. So sind es die dauerhaften Einlagerungs- und Einmachmethoden. Daneben, dass damals schon bei Produkten gepanscht und betrogen wurde. Manchmal kam man den Spitzbuben auch auf die Schliche. Im Ahlener Geschenk-Kochbuch, S. 296 f., finde ich im
Nachtrag und Anhang zum Thema: Eier in Kalk aufbewahren
„Zur Aufbewahrung von etwa 100 Stück Eiern nimmt man ein faustgroßes Stück gebrannten, ungelöschten Kalk, legt es in einen fest zugebundenen und gut verpichten Kübel oder großen Topf, gießt Wasser daran, rührt es auf, legt die Eier vorsichtig hinein und bedeckt das Gefäß. Dieses wird nun im Keller auf ein Holzlager gestellt, damit der Boden des Kübels nicht fault. Wenn der Kalk trocken wird, muß man frisches Wasser aufgießen und den Kalk aufrühren. Zerspringt eines der Eier durch unvorsichtiges Berühren, so fault es und steckt die anderen an. Ehe man die Eier in den Kalk setzt, müssen sie untersucht werden, indem man sie gegen das Licht hält; frische sind klar und durchsichtig, verdorbene dagegen trüb.“
(Ich habe – vielleicht ist’s falsch – in Erinnerung, frische Eier sänken im Wasser zu Boden, faule schwömmen oben.)
Eier in Wasserglas aufbewahren
„Man mischt in einem Wassereimer 1/2 Liter Kalkwasser mit 5 Liter Wasser und gießt dieses über die Eier, die man zuvor genau untersucht und in einem Kübel auf die Spitze gestellt hat. Sie werden wie die vorigen im Keller aufbewahrt. Die angegebene Menge reicht für 160–180 Eier.“
Gefrorene Eier auftauen zu lassen
„Man legt die Eier in laues Wasser oder in gesalzenes Brunnenwasser, bis sie aufgetaut sind.“
Butter aufzubewahren
„Frische, fette Butter, wie sie zu Markte gebracht wird, bringt man in eine Schüssel, gießt frisches Brunnen- oder noch besser Regenwasser daran und arbeitet sie mit einem Kochlöffel durch, wodurch sich die Käseteile und die Buttermilch ausscheiden. Das Wasser wird dann abgegossen, die Butter in Steintöpfe mit dem Kochlöffel fest eingedrückt, oben etwas mit Salz bestreut, zugebunden und im Keller aufbewahrt, wo sie sich sehr gut hält. Zu Ende des Monats Mai ist die Butter am besten und im Herbst am billigsten.“
Butter einsalzen
„60 Gramm Salz, 30 Gramm gereinigter Salpeter und 30 Gramm Zucker werden fein gestoßen, vermengt und unter 3 Pfund frische Butter geknetet. Wenn diese gehörig durchgearbeitet ist, bringt man sie in steinerne Töpfe, umbindet sie fest mit doppeltem Papier und läßt sie drei Wochen im Keller stehen.“
Eine in China bewährte Haltbarkeitsart für Eier finde ich im Löfflerschen Kochbuch, aus dem die nachfolgenden Zitate stammen. Unter 31. Anhang ist dort jedes Rezept, jeder Tipp durchnummeriert, was das Nachschlagen sehr erleichtert. Als Erstes steht auf S. 673:
„Da mit den gegebenen Vorschriften und Rezepten die Küchenthätigkeit einer gewissenhaften Köchin noch nicht völlig erschöpft werden konnte, geben wir deshalb im Anhang noch diejenigen Regeln, die sich namentlich auf die Aufbewahrung, Erhaltung und Wiederherstellung der dem Verderben leicht ausgesetzten oder schon verdorbenen Küchenmaterialien beziehen. Ferner soll auf die Merkmale aufmerksam gemacht werden, aus welchen auf die Güte verschiedener in der Küche nötigen Ingredienzen geschlossen werden kann, und da dieselben, je kostspieliger sie sind, desto mehr oft gesundheitsschädlichen Fälschungen unterliegen, so wird es jeder Koch und jede Köchin willkommen heißen, wenn Mittel und Wege bekanntgegeben werden, um den Betrug zu entlarven. Da die Errungenschaften aus der Chemie nicht ohne Einfluß auf die Küche und ihre Bedürfnisse geblieben sind, so soll auch hier von den einflußreichsten gegenseitigen Beziehungen erläuternd gesprochen werden. Der denkende Koch, die strebsame Köchin werden die gegebenen Winke beachten und im Interesse ihres Dienstes verwerten. Die sparsame Hausfrau aber wird sich die daraus hervorgehenden Vorteile für ihren Haushalt nicht entgehen lassen.“
Ab Seite 674 folgt unter anderem:
1972 – Eier, aufzubewahren
„Eine ebenso einfache wie originelle Eier-Konservierungsmethode stammt aus China und besteht einfach darin, daß man die Eier mit nassem Lehmboden überzieht, welcher, sich schnell erhärtend, die Eier wie mit einer Form umgibt, die Luft vollständig abschließt und dieselben dadurch vor Fäulniß bewahrt. Außerdem hat diese Methode das Gute, daß die Eier, mit einer solchen Hülle versehen, sich gegenseitig nicht berühren können und daher weniger zerbrechlich sind. Auf diese Weise werden die Eier zu Tausenden für den Transport verpackt und schmecken, weichgesotten, wie frisch gelegte.“
1973 – Eier, gefrorene, auffrieren zu lassen ohne daß sie zerreißen
„Um gefrorene Eier aufgefrieren zu lassen, wird frisches Brunnen- oder Regenwasser mit etwas Salz und Salpeter gekocht, dann werden die Eier, nachdem das Wasser auf +5 Grad verkühlt ist, hineingelegt und das Wasser in einem Zeitraum von 2 Stunden auf +15 Grad gebracht, dann abgeschüttet, und die Eier sind aufgefroren und zu verwenden.“
1975 – Fälschung der Butter
„Die Butter unterliegt der Fälschung durch Beimischung von Mehl, fein gesiebtem Gyps, geschabter Kreide, um ihr Gewicht zu erhöhen. Um eine derartige Fälschung festzustellen, wird aus der Mitte des Butterstollens ein Stückchen von 50–100 Gramm herausgeschnitten, dieses in die Mitte eines Bogens farbigen Papiers, das sehr gut fließt, gebracht, der Papierbogen auf ein Brett gelegt und mit diesem zur Wärme gestellt, sodaß die Butter zergeht. Schon nach kurzer Zeit wird das Papier durchfettet sein; ist die Butter gefälscht, so bleibt das Merkmal des Fälschens als weißer Rückstand in der Mitte des Papiers leicht untersuchbar liegen, die nicht gefälschte Butter nimmt das Papier völlig auf. Will die Butter untersucht werden, ob sie gelb gefärbt worden, was sehr häufig vorkommt, so wird in derselben Weise nur mit weißem Fließpapier verfahren.“
1977 – Fälschung der Milch
„Die Milch wird durch Zusatz von Wasser gefälscht. Um zu untersuchen, ob dies geschehen, ist die Milchwaage ein sehr geeignetes Instrument, deshalb darf dieses in keiner Küche fehlen. Dasselbe besteht in einer Glasröhre, die gerade von 0–4 eingeteilt ist und am Ende mit einer Glaskugel versehen. Dieses Instrument wird in die Milch eingesetzt. Sinkt es auf Null, so ist die Milch unverfälscht; je tiefer es sich einsenkt, desto mehr Wasser enthält die Milch, und zeigt die Skala den vierten Grad, so ist die Milch mit 1/2 Wasser verfälscht.“
1981 – Gemüse frisch zu erhalten
„Die Kohlgemüsearten werden in einem trockenen Keller mit dem Strunk in einer mit Kieselerde gefüllten Kiste eingegraben, so daß die Köpfe, ohne sich zu berühren, frei und nicht ohne Licht sind. Von Zeit zu Zeit wird die Kieselerde mit lauem Wasser gesättigt. So behandelt, bleibt das Gemüse bis zum Frühjahr frisch. Später Kopfsalat kann auf diese Weise bis Weihnachten frisch erhalten werden, wenn er fest geschlossen eingesetzt wird. Wurzelgemüse werden mit Papier umhüllt und im Keller in die Erde eingegraben. Bohnen, Schoten, grüne Erbsen, auch Spargel, doch diese mit weniger Sicherheit, werden in eine irdene Schüssel gelegt, mit einem Deckel, welcher einen fingerhohen Rand hat, verschlossen, die Fugen wasserdicht verstrichen, darüber eine Lage Milch gegossen. Hat die Milch Rahm gezogen, so wird die Schüssel in Sand gestellt, auf den Rahm eine ganz dünne Schicht Wasser gegeben, und die Gemüse bleiben so lange frisch, bis der Rahm Schimmel bekommt.“
1983 – Kaffee, Arten und Merkmale
„Der Kaffee, die Bohnenfrucht des Kaffeestrauches, stammt aus Arabien. Seitdem er aber durch das Bedürfnis zu einem der bedeutendsten Handelsartikel geworden, wird er in allen Ländern der Erde, die zwischen den beiden Wendekreisen liegen, kultiviert. Außerhalb derselben ist es mit mehr oder weniger Glück versucht worden.“
Es folgen die damals bekannten Kaffeearten: Kaffee-Bourbon, Kaffee-Ceylon, Kaffee-Java, Kaffee-Martinique, Kaffee Mokka, Kaffee-Sumatra – und dann:
1990 – Kaffee-Fälschung
„Da der Kaffee nach Qualität und dadurch auch im Preis so sehr verschieden ist, so wird er zu fälschen versucht. Namentlich ist dies zur Zeit schlechter Ernten der Fall. Da die Farbe der Bohnen ein Merkmal ihrer Güte ist, so unterliegen sie in dieser Beziehung allen möglichen betrügerischen Manipulationen. Um zu erkennen, ob der Kaffee gefärbt, ist das beste Hausmittel, daß man die Bohnen vor dem Rösten durch ein lauwarmes Wasser zieht, abtropfen und trocknen läßt, dann auf reiner Serviette ausbreitet, um sie daran abzureiben. Wird schon das Wasser farbig trüb, so ist der Kaffee schlecht gefärbt; jedenfalls aber wird die Serviette farbenschmutzig, wenn die Bohnen gefärbt sind. Die chemische Untersuchung auf Färbung des Kaffees liefert natürlich einen untrüglichen Beweis.“
1991 – Kaffee zu rösten und aufzubewahren
„Die Güte des Kaffees gewinnt, wenn er beim Rösten dem Zutritt der Luft möglichst entzogen wird, deshalb sind die rotierenden Kaffeebrennmaschinen sehr zu empfehlen. Unter allen Umständen aber ist es für den Geschmack von vorzüglicher Wirkung, wenn dem Kaffee während des Röstens etwas gestoßener Zucker, auf 500 Gr. Kaffee 20 Gr. Zucker, beigegeben werden. Nachdem der gebrannte Kaffee verkühlt ist, soll er in gut verschließbaren Blechbüchsen an kühlem, trockenem Orte aufbewahrt und erst kurz vor dem Gebrauch gemahlen werden. Je feiner er gemahlen, desto mehr gibt er aus und desto besser wird der Kaffee.“
2008 – Thee, gefälscht
„Der chinesische Thee, als wertvoller Handelsartikel, wird vielfach und in mancherlei Art gefälscht. Sehr häufig kommt Thee in den Handel, der schon einmal aufgegossen und wieder getrocknet worden. Dies zu unterscheiden ist sehr schwer. Der Chemiker Allen hat reinen unverfälschten Thee und einmal aufgegossenen auf ihre Bestandteile untersucht und folgendes Ergebnis erhalten.“
Es folgt im Buch eine Tabelle, die ich hier nicht wiedergebe.
Henriette Löffler gibt in einer Tabelle (S. 67) an, welche Zeiten die gewöhnlichen Nahrungsmittel zur Verdauung brauchen, wobei sie hier die mittlere Verdauungszeit nach Dr. Klenkes Chemischem Koch- und Wirthschaftsbuch zugrunde legt:
„Speisen, die über 4 Stunden zur Verdauung brauchen, werden zu den schwerverdaulichen gerechnet; es ist daher für die Gesundheit von großem Vorteil, wenn die Hausfrau die Speisen richtig eintheilt, d. h. bei einer Mahlzeit nicht lauter schwer verdauliche Speisen auftischt. Viel Zutaten von Fett, Öl, Säure erschweren die Verdauung, hingegen befördert wird sie durch Salz, Pfeffer, Zimt, Senf, alten Käse, Rettich, Zucker und Wein.“
Unter anderem heißt es dort: Reis gekocht: 1 St.; Kopfsalat: 3 St. 15 M.; frische Bratwurst, Rindfleisch gekocht, frisches Weizenbrod: 3 St. 30 M.; Kartoffeln geröstet: 2 St. 30 M.; Schinken roh und mageres Rindfleisch gebraten: 3 St.; Butterbrod mit Kaffee: 3 St. 45 M.; Steinobst, Kirschen, Nüsse: 5 St.; fetter Aal, gebraten: 6 St.
Ebenso finden sich in dem Buch Angaben über die Kochdauer von Braten, Enten, Hasen, Krammetsvögeln sowie Angaben zum Nährwert der Nahrungsmittel. Auf S. 51 heißt es sinngemäß, die Zusammenstellung sei so gehalten, dass, wenn 1 Pfund Ochsenfleisch 70 Pfennige koste, 1 Pfund Kalbfleisch – das weniger Nährstoff enthalte – nur 53 Pfennige wert sei; Schweinefleisch hingegen, das mehr Nährstoff enthalte, dürfe 73 Pfennige kosten. Danach kosteten unter anderem: geräucherter Speck 105 Pfennige pro Pfund, Cervelatwurst 142 Pfennige, Butter 91 Pfennige, Weißbrot 24 Pfennige, Schwarzbrot 23 Pfennige, Kaffee 34 Pfennige, Thee 42 Pfennige und Kartoffeln 7 Pfennige pro Pfund.
Einen breiten Raum nimmt auch das Servieren ein, das Falten der Servietten, das Tranchieren – und, und, und. Ich könnte dranbleiben. In Zeichnungen, die detaillierter sind als es heutige Fotos sein können, werden Herde, Roste, Töpfe, Schöpflöffel, Siebe, Messer, Formen, einzelne Fischarten – unzerlegt –, Torten, Braten und vieles mehr dargestellt.
Ja, und dann die Gerichte. Da läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich lese:
„Zubereitung eines gefüllten Ochsen- oder Rindherzens; Kalbskopf, Kalbsfüße, Kalbsgekröse, Kalbshirn, Kalbsnieren gebacken; Froschschenkel gebacken; Krammetsvögel im sauren Rahm; Lerchen gefüllt; Bärentatze in Sauce; Schweinskopf au naturelle; Schweinefüße getrüffelt; Ochsenschweife au gratin; Ochsen- oder Rindsmaul; Ochsen- oder Rindskutteln …“
Na, auf den Geschmack gekommen?
Etwas fiel mir im obigen Text noch besonders auf: Es wird dort vom denkenden Koch und der nur strebsamen Köchin gesprochen. Klar, dass damals der Mann noch den Hut aufhatte. Die Hausfrau, die nahezu immer daheim war – Küche, Kinder, Kirche –, wird als gewissenhaft und sparsam bezeichnet. Klar: Sie hatte mit dem sauer verdienten Geld des Hausvorstandes sorgsam umzugehen. Für viele Männer waren das, 1887 und 1926, himmlische Zeiten. Und wehe, das Essen stand nicht pünktlich und heiß auf dem Tisch. Schließlich gab es ja prächtige Kochbücher. Die beschrieben detailliert, wie was wo zu tun war. Selbst die ungeschickteste Frau konnte sich da nicht mehr herausreden, sie wüsste nicht, wie etwas zuzubereiten sei.
Ich gestehe: Leben hätte ich damals nicht wollen. Obwohl der Mann noch ein MANN war. Gleichwohl gab es schon Frauen, die Kochbücher schrieben – erstaunlich, dass die das damals schon durften. Mir schmecken heutige Fertiggerichte vom ALDI, wo es all die guten Sachen gibt, zwar auch nicht. Aber mein Magen ist wenigstens erst einmal voll. Der Nährwert? Ich schlucke Vitaminpillen, die im Regal daneben liegen. Die Verdauungszeit? Ich pfeife drauf. Wenn’s nicht klappt, nehme ich Abführpillen. Die bräuchte ich nicht, würde ich Kalbsfüße vorgesetzt bekommen – mir käme es vorne wieder heraus. Und zum Glück brauche ich mich nicht nach den in den alten Büchern niedergeschriebenen Rezepten bekochen zu lassen.
Anmerkungen
* Die Sütterlin-Schriften, meist einfach Sütterlin genannt, sind zwei im Jahr 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelte Ausgangsschriften für das Erlernen von Schreibschrift in der Schule.
** Tintenstift = ein Kopierstift, der bläulich und urkundensicher schrieb, obwohl das Wort „Tinte“ darin vorkommt. Im Internet fand ich zu dem Stichwort zunächst nichts; mein Bruder Horst klärte mich auf. Unser Vater habe lange mit einem solchen geschrieben.
*** Himmel und Erde: Kartoffeln kochen, Apfelscheiben oder Apfelmus zum Schluss dazugeben, darüber mit in der Pfanne ausgelassenem Speck oder Schinkenwürfeln gießen, alles mit der Gabel zusammenstampfen. Dazu kross gebratene Möpkenbrotscheiben essen.



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