Spurensuche über Ahlen

Fotos die auf einm Stadtplan lieven

Vor einigen Tagen bekam ich vom Kreisarchiv eine Reihe von Luftaufnahmen mit der Bitte, doch einmal nachzusehen, ob ich darauf etwas wiedererkenne. Die Fotos stammten aus dem Jahr 1975 — also aus einer Zeit, die ich nur aus Erzählungen kenne, denn geboren wurde ich erst ein Jahr später. Aber sofort war da dieser gewisse Entdeckerinstinkt. Irgendetwas in mir war geweckt.

Ich lud die Dateien herunter und begann erst einmal ganz entspannt, mich durch die Bilder zu blättern. Dann der kleine Schreck: Das waren nicht ein paar Aufnahmen, sondern gleich 65 Stück. Und direkt das erste Bild kam mir seltsam vertraut vor. Ich konnte noch nicht sagen, wo es aufgenommen worden war, aber ich hatte sofort das Gefühl: Das kenne ich.

Also begann ich, das Foto genauer zu lesen — wie eine Spurensuche von oben. Zu sehen war ein langgestreckter Gebäudekomplex, der fast wie eine Grenze zwischen zwei Welten wirkte: vorne eine offene, nur locker genutzte Fläche, dahinter ein Wohngebiet mit Einfamilienhäusern, Gärten und sauber gegliederten Grundstücken. Gerade dieser Übergang machte das Bild so interessant. Unten links standen sechs gleichmäßig geformte Ständerdächer. Fahrradständer? Je länger ich hinsah, desto mehr Einzelheiten fügten sich zusammen: die gleichförmigen Häuser mit ihren steilen Dächern, die ruhigen, leicht geschwungenen Straßen, die klare Ordnung der Parzellen. Gleichzeitig erzählte der lange Bau im Vordergrund von einer eher funktionalen, gewerblichen Nutzung.

Ein Vergleich des alten Bildes mit einer ähnlichen Ansciht aus dem Digitalen Zwilling NRW
Ein Vergleich des alten Bildes mit einer ähnlichen Ansciht aus dem Digitalen Zwilling NRW

Plötzlich war der Gedanke da: Das ist doch das Gelände, auf dem heute Markus Rausch Autos wieder fit macht. Ein Blick auf den Digitalen Zwilling NRW — ein tolle Online-Karte — brachte die Bestätigung. Genau das war es. Und unten links: tatsächlich die Fahrradständer der Blomberg-Werke.

Damit war das Eis gebrochen. Und so ging es weiter, Bild für Bild. Eine alte Tankstelle am Röteringshof tauchte auf: Struchtrup, noch ohne das spätere Coop-Gelände daneben, aber links davon schon mit einem Kiosk im Haus. Dann ein Gebäude mit Isenbeck-Reklame, und am hinteren Teil war oben der Schriftzug der Sparkasse zu erkennen. Eine Kneipe und eine Sparkasse in einem Haus? Wo hatte es das gegeben? Und wieder kam mir das Bild, je länger ich es betrachtete, immer vertrauter vor. Irgendwann fiel es mir ein: In dem vorderen Teil, dort, wo auf dem Foto noch die Kneipe zu sehen war, befand sich viele Jahre die Lotto-Annahmestelle Janot, heute ein Barbershop. Im hinteren Bereich ist heute ein Tattoostudio. Dass dort früher einmal die Sparkasse untergebracht war, war mir völlig neu.

So arbeitete ich mich weiter vor: durch Luftaufnahmen aus dem damals noch jungen Gewerbegebiet Kleiwellenfeld, vorbei an Betrieben an der Sachsenstraße und einigen Aufnahmen von Bauernhöfen. Besonders gefreut habe ich mich über einen Hof, den es heute nicht mehr gibt. Wie ich den gefunden habe? Ich schaute mir an, in welchem Bereich die meisten Höfe aufgenommen worden waren — grob zwischen Kleiwellenfeld und dem Vatheuershof, mit etwas Umgebung. Dann erinnerte ich mich an einen Hof, der abgerissen worden war, weil dort in den 90er-Jahren eine Wohnsiedlung entstand. Also kramte ich den Neomedia-Luftbildatlas hervor, verglich die Hofform mit dem Foto — und da war er, wo heute Einfamilienhäuser an der Walter-Rathenau-Straße stehen. Mich würde schon interessieren, ob die heutigen Bewohner wissen, das ihr Haus auf einem alten Bauernhof steht.

So ging es weiter: die alte Feuerwache Süd, der frühere Penny an der Sachsenstraße und der ehemalige Rema-Standort. Dort zogen später Markant und Rewe ein, und bis vor Kurzem wurden hier noch Annas spanische Tapas angeboten. Ein Bild nach dem anderen ließ sich entschlüsseln. Bis, ja bis am Ende nur noch vier Aufnahmen übrig waren. Bis dahin hatte ich gerade einmal fünf oder sechs Stunden gebraucht. Dann verließ mich das Glück. Trotzdem war ich mehr als zufrieden: 61 von 65 Luftbildern hatte ich erkannt.

Ich schrieb Dr. Langewand eine E-Mail mit meinem Ergebnis. Einige Tage später kam die Antwort: Zwei der vier verbliebenen Höfe hatte er noch identifizieren können. Sie seien allerdings inzwischen von der Halde verschluckt worden.

Eigentlich hätte die Geschichte damit enden können. Aber meine Neugier war längst geweckt.

Also suchte ich weiter, diesmal bei TIM-Online, dem Dienst des Geoportals NRW mit historischen Orthofotos. Das Faszinierende daran: Luft- und Satellitenbilder lassen sich dort von Ende der 1960er Jahre bis heute auf einem Zeitstrahl abrufen, ungefähr im Abstand von sechs bis acht Jahren. Man verschiebt einfach den Regler — und bewegt sich durch die Zeit.

Dabei wurde mir erst richtig bewusst, wie schnell sich unsere Heimatstadt in den vergangenen 60 Jahren verändert hat. Und noch mehr: wie wenig wir diese Veränderungen im Alltag wahrnehmen. Straßen, Gebäude, ganze Ortsteile erscheinen uns plötzlich selbstverständlich, obwohl sie in Wahrheit erst vor wenigen Jahrzehnten oder gar nur vor wenigen Jahren entstanden sind. Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser alten Luftbilder. Sie zeigen nicht nur, wie Ahlen einmal aussah. Sie zeigen, wie schnell Gegenwart zur Vergangenheit und damit zur Geschichte wird.

Ich bin Autor im AhlenWiki und interessiere mich besonders für die Geschichte, Kultur und Entwicklung von Ahlen. Mit meinen Beiträgen möchte ich Informationen über unsere Heimatstadt sammeln, aufbereiten und für alle zugänglich machen.